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Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne

Taschenbuch


ISBN: 3518293605
erschienen 2010 im Suhrkamp
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EAN: 9783518293607
ASIN: 3518293605

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Aktuelle Kundenbewertungen von amazon.de

Wertvolle Analyse, aber teilweise zähe Lektüre

Bewertet mit 4 Sternen:
Ich bin durch eine Sendung in SWR 2 und durch einen Beitrag von Hartmut Rosa in der ZEIT auf ihn und das Thema Beschleunigung aufmerksam geworden. Wir alle kennen ja dieses diffuse Gefühl, dass uns trotz steigender Effizienz und rasanter "zeitsparender" technischer Innovationen, die Zeit davon rennt. Time Bandits, wo man hinschaut.

Also, habe ich mir das Buch gekauft. Aber ich muss sagen, dass es mich nicht wirklich überzeugt hat. Obwohl ich selbst eine sozialwissenschaftliche Ausbildung habe, habe ich keinen richtigen Zugang zum Text gefunden. Das mag daran liegen, dass ich natürlich nicht in der Thematik drin bin und auch die Moderne/Postmoderne-Debatte nicht richtig kenne. Schließlich ist das ein Kernstück des Buches.

Man muss aber auch berücksichtigen, dass es sich hierbei um die Habilitation von Hartmut Rosa handelt. Das heißt, das Buch hat seine eigene Mechanismen, die den Spielregeln wissenschaftlicher (Abschluss-)Arbeiten entsprechen: zu viele und zu lange Fußnoten, eine extrem umfangreiche Aufarbeitung der Literatur zum und um das Thema herum. Dies ist kein Buch, dass für den breiteren Markt geschrieben wurde. Es ist ein genuin wissenschaftliches Werk für ein wissenschaftliches (Fach-)Publikum. Das sollten interessierte Fachfremde wissen.

Mit Kritik sollte man immer vorsichtig sein, wenn man nicht im Thema drin ist. Aber ein wenig Kritik muss ich doch äußern. Auch wenn Hartmut Rosa argumentiert, dass das Thema "Beschleunigung" (technisch, sozial, lebensweltlich) empirisch schwer zu handhaben ist, hätte man sich doch einige mehr empirische Beispiele und Evidenzen gewünscht. so verbleibt das Buch - gut, es ist eine Habilitation - zu stark auf der theoretischen Ebene verhaftet. Darüber hinaus gibt es doch einige Redundanzen im Buch. Irgendwann hat man zum x-ten Mal von der Verzeitlichung der Zeit gelesen. Darüber hinaus zitiert Rosa phasenweise zu stark und zu umfangreich andere Autoren. Während und nach der Lektüre habe ich mich zeitweilig gefragt, ob ich nicht die oft zitierte empirische Studie von Robinson/Godbey eher zur Hand nehmen sollte.

Aber wie gesagt, ich bin zu wenig im Thema drin. Daher mein Fazit: Wenn das Thema interessiert und wer die Zähigkeit besitzt und die Zeit hat (da haben wir es wieder), sich durch diese umfangreiche Habilitation durchzuarbeiten, für den ist das Buch ein wirklicher Gewinn mit vielen wertvollen Gedanken.

Man stellt sich aber trotzdem die Frage, warum in den kontinental-europäischen Sozialwissenschaften extrem lange Sätze formuliert werden müssen, in denen man sich auch als geübter Leser leicht verliert. Warum nicht ein bisschen mehr angelsächsischer Pragmatismus in der Schreibe. Aber wahrscheinlich bin ich nicht geduldig genug für die Lektüre komplexer Sätze. Time Bandits halt.

Hellsichtige Zeitdiagnose

Bewertet mit 4 Sternen:
Ich bin selbst kein Sozialwissenschaftler und will nicht die fachliche Qualität des Buches bewerten. Persönlich hatte ich nach der Lektüre jedenfalls den Eindruck, ein paar Dinge klarer zu sehen.

Rosa geht in seinen Ausführungen immer wieder auf zwei Sachverhalte ein, die auf den ersten Blick paradox erscheinen. Das ist einmal der Befund, dass eine wachsende Zahl von Menschen die Wahrnehmung hat, über immer weniger Zeit zu verfügen, obwohl der technische Fortschritt zunehmende Möglichkeiten bietet, Prozesse verschiedenster Art in immer weniger Zeit abzuwickeln. Zum anderen ist es die Charakterisierung unserer gesellschaftlichen Entwicklung als "rasender Stillstand", ein Ausdruck, der allerdings nicht von Rosa, sondern von Paul Virilio bzw. seinen Übersetzern stammt.
Wer das Buch aufmerksam durchliest, dürfte am Ende wissen, wie sich diese Widersprüche erklären und wie sie miteinander zusammenhängen. Ein wenig Vorwissen sollte man allerdings schon mitbringen, wer beispielsweise mit den Namen Max Weber, Reinhart Koselleck oder Niklas Luhmann gar nichts verbindet, könnte irgendwann frustriert sein.

Bei mir persönlich haben vor allem zwei Erklärungsversuche zu Aha-Erlebnissen geführt. Einmal der so genannte kulturelle Motor der Beschleunigung des Lebenstempos als quasi "säkularer Ewigkeitsersatz", will sagen, dass die Menschen seit dem Verlust der Jenseitsgewissheit und des Ewigkeitsglaubens am Ende des Mittelalters in der Neuzeit und Moderne sich zunehmend darauf angewiesen sehen, ein erfülltes Leben in ihrer begrenzten Zeit im Diesseits zu realisieren und das am ehesten zu schaffen glauben, in dem sie in immer kürzerer Zeit immer mehr zu leisten und zu erleben versuchen: Beschleunigung gegen unendlich also - leider eine Falle...
Zum andern die These, dass Depressionen eine zunehmende individuelle Reaktion auf die soziale Beschleunigung darstellen, weil immer mehr Menschen das Gefühl haben, ihr Leben gleite ihnen von anonymen Kräften fremdbestimmt und ohne jedes erkennbare Ziel zunehmend aus der Hand während die Zunahme der Wahlmöglichkeiten bei immer ungewisseren Rahmenbedingungen sie überfordert oder gar lähmt...

Zu fragen bleibt natürlich auch bei dieser skeptischen Zeitdiagnose, ob die Sicht des Autors nicht zu pessimistisch ist, ob es sich bei den geschilderten Problemen nicht letztlich um Anpassungsschwierigkeiten in einer spezifischen Übergangsphase handelt, die sich irgendwann wieder einpendeln werden. Ob die Geschichte anstatt an ihr Ende zu kommen oder einem Abgrund entgegen zu steuern nicht letztlich doch immer wieder zu Kurskorrekturen in der Lage ist. Die Antworten darauf muss allerdings jede/r selbst finden.

Mein Fazit: eine lohnende Lektüre. Wer das Buch sorgfältig durcharbeitet, hat übrigens selbst schon einen Beitrag zur Entschleunigung geleistet - das dauert halt ein Weilchen, wenn man selbst kein Experte ist. Ich möchte aber Mut machen und behaupte: "So viel Zeit muss sein..."

Enttäuschend

Bewertet mit 1 Sternen:
- Zu viele Zitate von anderen!!!!
(man sollte vorher auf jeden Fall 80% der Literaturliste gelesen haben)
- Zu affektiert intellektuelle Sprache
(Gehalt gering, Wörter viele)
- wenn dann mal "Rosa"-eigene Gedanken: langweilige Beispiele, die jeder
kennt, nichts Neues, nicht spannendes.
Einziger brauchbarer Gedanke (für mich): die Beschleunigung in der
technischen Entwicklung gaukelt uns "Zeitersparnis" vor, die wir aber durch
"Mehr-Produktion" kompensieren.
(na gut...das war mir noch nicht so klar ... aber stimmt, wenn ich drüber
nachdenke)

Helle Gedanken - aber teilweise etwas dunkle Darstellung

Bewertet mit 4 Sternen:
Gleich vorneweg: Das Buch ist ziemlich schwierig zu lesen; deshalb ist es auch ziemlich schwierig, eine AMAZON-Rezension darüber zu schreiben. Thematisch geht es um den Übergang von der Moderne zur Postmoderne. Man sollte deshalb als Leser schon etwas Vorwissen mitbringen darüber was die "Moderne" ist, damit man den nicht eben einfachen Übergang zur "Postmoderne" etwas besser verstehen und nachvollziehen kann.

Der zentrale Gedanke des Buches ist die vielfältig wahrnehmbare Beschleunigung des Lebens, also die Kategorie der Zeit. Diese Beschleunigung des Lebens war schon ein Kennzeichen der Moderne; der Übergang zur Postmoderne wird mit der bekannten dialektischen Denkfigur des "Umschlagens von Quantität zu Qualität" erklärt. Dies will heißen: Wenn die Beschleunigung des modernen Lebens einen gewissen Grenzwert oder Schwellenwert erreicht hat, dann treten jenseits dieses Grenzwertes qualitativ neue, eben "postmoderne" Phänomene auf.

Das ganze dicke Buch (ca.500 Seiten) widmet sich sehr akademisch mit vielen Zitaten und schwierigen Fachwörtern, aber auch reich an anschaulichen Beispielen aus dem Alltag, der Ausarbeitung dieses oben genannten zentralen Gedankens; es ist nämlich eine Habilitationsschrift (also eine Art "höhere Doktorarbeit") zur Erlangung des Professorentitels.

Ich habe dem Buch etliche sehr helle Gedanken entnehmen können (z.B.: dass Institutionen die in der Moderne als Beschleuniger gewirkt haben sich nun in der Postmoderne als Bremser herausstellen), auf die ich selber sicherlich nicht gekommen wäre wenn ich das Buch nicht gelesen hätte. Die schwierige Lektüre lohnt sich also auf jeden Fall. Entgegen der Absicht des Autors würde ich das Buch jedoch nicht als ein streng wissenschaftliches, sondern als ein im weitesten Sinne "philosophisches" Buch betrachten - eigensinnigerweise habe ich nämlich so meine Schwierigkeiten, die Sozialwissenschaften als echte harte Wissenschaften anzuerkennen. Dazu ist das Theoriegebäude des Buches nämlich einfach zu wackelig, und aus den schönen Beobachtungen und geistreichen Reflexionen lassen sich eben doch keine hinreichend präzisen Vorhersagen destillieren.

Geradezu nervtötend ist in diesem Buch die andauernde Vermischung deutschsprachiger und englischsprachiger Textpassagen. Andauernd muss der Leser zwischen beiden Sprachen hin- und her schalten, was wirklich sehr sehr lästig ist, selbst wenn man des Englischen mächtig ist. Wer hingegen nur schlecht Englisch versteht, wird wie der Ochs vor dem Berge vor einigen Zitaten aus der englischen Fachliteratur stehen. Es hätte der akademischen Qualität des Buches überhaupt keinen Abbruch getan, wenn der Autor sich die Mühe gemacht hätte, sämtliche englischen Zitate fein säuberlich ins Deutsch zu übersetzen.

Einige Fragen bleiben offen. Ich selbst zum Beispiel erlebe "meine" Postmoderne "um mich herum" subjektiv gar nicht mal so sehr als "Beschleunigung" -vielleicht habe ich mich daran schon zu sehr gewöhnt-, sondern vielmehr (bedauerlicherweise) als ein Wiederhineinbrechen des Irrational-Religösen in ein vormals profanisiertes (säkularisiertes) Umfeld, sowie auch als ein anti-naturalistisches Wiederzunehmen von Scham und Sittenstrenge wo vormals viel mehr Freizügigkeit und Ungezwungenheit waren. Diese von mir individuall "gefühlten" INHALTLICHEN Tendenzen der Postmoderne kann ich aus Hartmut Rosas FORMALEM Ansatz der Beschleunigungstheorie gar nicht recht ableiten. Ich will zur Verdeutlichung dessen, was ich meine, mal ein ganz konkretes Beispiel jetzt zur Sommerurlaubszeit geben: Was hat es mit der "gesteigerten Beschleunigung des Lebens" zu tun, daß Frauen am Badestrand heute mehrheitlich wieder (wie anno 1950) ihre Brüste bedecken und Männer wieder riesige Badehosen tragen welche keine Körperkonturen erkennen lassen? Solche ganz konkreten Fragen WILL Hartmut Rosas sehr systematisch konzipiertes Buch zugegebenermaßen gar nicht beantworten, KANN sie aber auch nicht beantworten wenn sie mit ihnen konfrontiert wird.

Unser Kernproblem

Bewertet mit 5 Sternen:
Beschleunigung erfasst uns lückenlos in unserer wirtschaftlichen und beruflichen Grundlage als überall einsickerndes gnadenloses Prinzip der Globalisierung. Dem sieht man sich so machtlos gegenüber wie einst die Wilden den Naturerscheinungen Blitz und Donner. Der Beschleunigungsfaktor, welcher der Technik inne liegt, sei es der Transport-, Kommunikations- oder Waffentechnik, liefert nicht nur begrüßenswertes Erleichterungspotential im Alltagsleben, sondern modifiziert den Kern unseres Menschseins. Er macht uns nicht nur als gut verdienende Verkäufer global, sondern modifiziert uns auch zur Zielscheibe all derjenigen Völker, die sich durch unsere Verbindung mit den USA motiviert fühlen, uns Lehrstunden über Religion und Moral zu erteilen. Nicht nur weltweite Vernetzung der Wissenschaft und Kunst, auch weltweite Ausbreitung von Provinzialität und Anti-Aufklärung sind auf den Tempo-Zug aufgesprungen. Die so genannten Sachzwänge haben eine Undiskutierbarkeit bekommen wie einst die Götzen und Götter. Der Neo-Konservatismus, die größte denkbare Apathie gegenüber dem Wiederaufleben des Manchester-Kapitalismus, er genießt fast johlend das Prinzip Beschleunigung. Es hat den Anschein, dass die Hilflosigkeit vor den eskalierenden Beschleunigungsprozessen den Kern des Sozialen anfrisst wie eine Krebsgeschwulst einen einzelnen Körper. Insofern beschäftigt sich das Buch von Hartmut Rosa mit dem Kernproblem unserer gegenwärtigen Gesellschaften, sei es, dass sie den rasenden Zug aufhalten wollen oder ihn genüsslich aufs Raketenniveau weiterentwickeln.

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